dit is ki

antisemitismus im anarchismus

antrag für das programm der bergpartei von einzelnen mitgliedern
(druckversion als pdf)

anspruch und widerspruch:

was nicht sein darf, das nicht sein kann. – anarchismus verbietet von sich heraus die abwertung und diskriminierung von menschen(gruppen). anarchist*innen waren oft die ersten, die sich gegen antisemitismus aussprachen und oft selbst jüdischer herkunft. in seinen heutigen formen ist anarchismus geprägt von der solidarität mit betroffenen und der suche nach allianzen zwischen ausgegrenzten gruppen. ganz im gegensatz zu seinen konkurrent*innen unter den egalitären politischen theorien, dem liberalismus und dem kommunismus, die sich während ihrer „revolutionen“ der schlimmsten verbrechen an jüd*innen schuldig gemacht haben.

fertig ist der schuh!? 

um antisemitismus in der anarchistischen bewegung zu finden, muss man ebenfalls nicht lange suchen. schon proudhon, der als der erste anarchist gilt, hat offen die vertreibung der jüd*innen gefordert. heute geht die bedrohung jüdischen lebens in deutschland auch von teilen der anarchistischen szene aus.

eine sensibilität für die antisemitischen grundmuster ist wesentlich, um den weltweiten erfolg antisemitischer erscheinungen zu erklären. diese muster sind sehr alt und wir brauchen sie hier nicht aufschlüsseln. dies ist auch kein statement zum gaza-krieg. die beschäftigung mit antisemitismus ist nötig egal welche geopolitische position man einnimmt.
wir wollen leerstellen und anschlussfähigkeit in der theorie von uns postautonomen aufzeigen, denn wir sehen darin auch eine gefahr für die bewegung selbst.

antisemitismus ist heuchelei. 

wir behaupten, gegen herrschaft, ausgrenzung und diskriminierung zu sein, behandeln antisemitismus aber gleichzeitig so, als könne er in der eigenen bewegung nicht vorkommen – oder als müsse man ihn nur bei den politischen gegner*innen suchen. 
wir hatten als bergpartei schon viel berührung, bekanntschaft, reibung und überschneidung mit verschiedenen spielarten: mehr oder weniger offenen verschwörungsideologien, besonders „klassenkämpferischer“ querfront, nihilistischen „insurrektionalismus“ und mit defaitistischer bürgerkriegsrhetorik. nicht jede herrschaftskritik ist automatisch emanzipatorisch.

warum wir jetzt schreiben

es gibt zu diesem text keinen konkreten anlass. niemand hat uns gefragt, wie wir dazu stehen. es ist jedoch nur eine frage der zeit, bis sich alle anarchist*innen und dadaist*innen zu antisemitismus positionieren müssen. es ist eine gretchenfrage und viele statements von post-autonomen und kultur-aktivistischen gruppen, die uns sehr nahe stehen, wären besser nicht gemacht worden. antisemitismus ist keine meinung oder reine ideologie, kein bloßes vorurteil, keine unter-kategorie von rassismus, geschweige denn eine außenpolitische frage. antisemitismus ist leider auch kein randphänomen. eine ausseinandersetzung mit dem „eigenen“ antisemitismus erscheint uns als notwendiger, wenn auch nicht ausreichender beitrag, zumal unser programm anschlussfähigkeiten an antisemitsche narrative aufweist. es reicht nicht aus, „nichts gegen juden“ zu haben, „jüdisch“ sogar sehr gut zu finden oder seine mitmenschen mit „schalom!“ zu begrüßen, wie kapitel 4 unseres gründungs- und grundsatzprogramms aus den 2000er jahren. in dem gesamten text werden die worte „antisemitismus“ oder „antifaschismus“ an keiner stelle verwendet, obwohl schon im vorwort mehrere direkte bezüge zur shoa hergestellt werden. der westliche individualismus wird verteufelt und die USA und seine verbündeten als alleinige kriegstreiber*innen und gefahr für den weltfrieden dargestellt. stellenweise wird deutschland als „junta“ bezeichnet und sehr merkwürdige grenzziehungen zu bestimmten teilen der gesellschaft vorgenommen, die weiter unten nochmal aufgerollt werden.

das problem beginnt schon mit einem fehlenden konsens über dessen definition. damit soll diese kurze selbstbezichtigung beginnen.

was antisemitismus ist

linke philosoph*innen, die sich intensiv mit antisemitismus beschäftigt haben, sind sich weitgehend darüber einig, dass antisemitismus im kern eine schuldabwehr durch projektion ist. dieser psychologische mechanismus würde durch widersprüche innerhalb des momentanen gesellschaftssystems, namentlich kapitalismus, verstärkt. diese ansicht ist allerdings nicht der standart.
aktuelle antisemitismus -debatten ranken im wesentlichen um zwei feste definitionen: die etablierte definition der „international holocaust remembrance alliance“, IHRA, und die dazu alternative [oder ergänzende] „jerusalem-deklaration“. beide definitionen lassen die individuelle attraktivität und gesellschaftlichen funktionen anscheinend außer acht. sie ergänzen sich als empirische arbeitsdefinitionen eigentlich ganz gut. für das monitoring oder die strafverfolgung muss man sich schließlich auf nachvollziehbare kriterien einigen. als erklärung des phänomens oder zur bekämpfung von antisemitismus erscheinen beide zugänge ungeeignet. 
wir verstehen sie als mögliche orientierungen, sie ersetzen aber nicht die konkrete prüfung von sprache, bildern, handlungen, motiven und politischen zusammenhängen.

diese definitionen sind zu konkret. sie erlauben den einen, sich ständig herauszureden und den anderen alles mögliche zu verdächtigen. der vorsitzende der linkspartei kann behaupten „Es gibt bei uns keine Antisemiten!“ (quelle) und cdu & fdp können ihre rassistische agenda als kampf gegen antisemitismus verkaufen ohne dabei auch nur die geringste sensibilität für das thema aufzuweisen.

geeigneter scheinen die betrachtungen von jean-paul sartre, einem nicht-jüdischen neomarxist. noch während der deutschen besatzung frankreichs analysierte er antisemitismus nicht als einen irrtum, sondern als emotionsgeladene wahl: die entscheidung gegen die eigene freiheit ist dem antisemitismus als projektion vorgelagert. die leugnung der verantwortung ist ein existenzieller selbstbetrug, ein fauler glaube, der sich in einer haltung zur welt erst zeigt. 

antisemitismus hat viele muster und gesichter. die grundstruktur und die funktion bleiben immer die gleichen.
das hat mit dem judentum erstmal nicht das geringste zu tun.

wir erleben, wie ausgerechnet ehemalige linksradikale, zum beispiel das bsw, den sog. antifaschistischen grundkonsens verlassen, bzw. die brandmauer zur rechtsextremen afd niederreissen. mehr oder weniger offener antisemitismus ist dabei der kitt. tomasz konisz bezeichnet querfront als keilriemen, über den rechte ideologie in die linke einsickert und über den wir die leute verlieren.

der historische kontext ist und bleibt der holocaust vor nicht einmal 100 jahren. dieser absolute tiefpunkt der menschheitsgeschichte zeigte deutlich, wie leidenschaftlich und gleichzeitig scheinbar rational antisemitismus alle gesellschaftlichen schichten mobilisiert und dass er sich am ende doch an jüd*innen, und vermeintlichen, entlädt.

analog zu rassismus, der als weiße überlegenheits-fantasie dazu dient, die ausbeutung von menschengruppen bis hin zu rassifizierter überausbeutung, zu rechtfertigen, ist antisemitismus eine unterlegenheits-fantasie, welche die schuld an diesen jenen ausbeutungsverhältnissen auf eine imaginierte böse minderheit schiebt. antisemitismus und rassismus sind ist nicht das gleiche, sondern zwei seiten einer medaille. kritik an kapitalismus wird anschlussfägig an antisemitismus, wenn man ihn personalisiert oder symbolisiert (-womit wir wieder zu uns selber kommen). anschliessend an sartre man könnte sogar die these aufstellen, dass antisemitismus umso verlockender wird, umso versteckter, subtiler, verinnerlichter oder normalisierter diese ausbeutungsverhältnisse werden. er ist somit eine gefahr für jede art des oppositionellen aktivismus im kontext jeder noch so subversiven theorie und gerade für das vermeintlich gesellschaftskritische selbstverständnis.

konkrete einfallstore

sich mit antisemitismus zu beschäftigen macht eigentlich nur spass, wenn man andere damit beschimpfen kann. durch seine natur der schuldabwehr macht es jedoch wenig sinn, antisemitismus als vorwurf zu formulieren. das wirksamste mittel gegen den existenziellen selbstbetrug der verantwortungs-leugnung scheint eine schonungslose, aber handlungsorientierte selbstkritik. das selbstkritik oft nicht ausreicht ist gegenstand der folgenden überlegungen.

analog zu der reproduktion von rassismus, sexismus usw ist es eine illusion, die sich anarchist*innen gerne machen, wenn sie meinen, sich durch ihr bekenntnis zum anarchismus herausnehmen zu können. der versuch sich mittels zugehörigkeit zu imunisieren ist keine konsequenz aus anarchistischen grundsätzen, sondern ihre verfehlung. 

antisemitismus zeigt sich daran, wie man sich selbst in der gesellschaft (oder eben außerhalb) verortet. anarchist*innen neigen dazu, sich per definition als die unterdrückten zu sehen und wenn ihnen offensichtlich doch irgendwelche privilegien aufgezwungen werden, suchen sie sich mit vermeintlichen oder tatsächlichen unterdrückten zumindest zu verbünden wenn nicht gar zu identifizieren. 

kleiner reminder: wir reden hier über uns selbst, einige mitglieder einer mehrheitlich weiß und gojisch geprägten gruppe. wir haben in den sog. coronaprotesten dem kollektiven wahnsinn auf dem rosa-luxemburg-platz ins gesicht geschaut. antisemitismus ist eine leidenschaft mit grosser integrationskraft und irrer dynamik. nicht zum ersten mal flüchteten sich viele linke anarchist*innen in die „dritte front“ wie richard schubert es nennt. 

https://oe1.orf.at/programm/20260710/838008/Ausstiegshilfe-fuer-linke-AntisemitInnen

wir wollen hier theoretische einfallstore offenlegen. zum einen gibt es das verklären von demokratie zur unsteigerbaren herrschaft, was gleichbedeutend ist mit einer krassen verharmlosung der vergangenen diktaturen und ein fatales verkennen der akuten gefahr von rechts. der historische NS und die heutigen erfolge der neuen rechten werden auf alles mögliche zurückgeführt, aber nicht auf antisemitismus. verschwörungsideologische und fundamentalistische kräfte werden verharmlost, entschuldigt, mit ihnen sympatisiert oder das bündnis gesucht. darüber hinaus haben wir – bei uns selbst – folgende 3 potentiell antisemitische kurzschlüsse und vereinfachungen gefunden, die weit verbreitet sind.

1. die natürliche und primitive gemeinschaft

kropotkin war selber jude und hat weiss gott keinen antisemitismus verbreitet. seine natur-beobachtungen zeigen, wie gegenseitige hilfe ein motor der evolution war, was erst aktuelle studien belegen. der vergleich von natur und mensch bedarf einer übersetzungsarbeit und ist potentiell problematisch. nicht erst wenn es um sozialdarwinistische und biologistische legitimation von herrschaft oder gewalt geht, sondern auch, wenn es zu einer romantisierung primitiver gemeinschaft kommt, was dem anarchismus zutiefst eingeprägt ist. die berechtigte kritik an komplexen gesellschaftsformen, neuester technik und abstrakter wirtschaftszusammenhänge kann sehr schnell in antisemitische muster kippen, wie verschwörungsideologien, die zinskritik, dämonisierung von als dekadent und „abgehoben“ wahrgenommenee „westlicher kultur“ – und dem gegenüber die sehnsucht nach einer reinigung in kleinen gemeinschaften. anarchismus stagniert, wenn der rückzug in die bubble, das projekt und die ökonomische niesche als lösung propagiert wird. „die stadt“, „die wissenschaft“, „die wirtschaft“, „die medien“ und die moderne können als „jüdisch“ kodiert gelesen werden. unser programm hat ein paar ganz klassische beispiele der sehnsucht nach einer „natürlichen wirtschaftsordnung“, der unkritischen auslegungen von silvio gesells zinskritik, der verherrlichung des handwerks, der romantisierung des nackten lebens, des ländlischen und so weiter. selbst dort wo individuelle wege aufgezeigt werden, zum beispiel im lifestyle, konsum oder erziehung sind es eher fluchtbewegungen als verantwortungsübernahmen.

2. eine revolution ohne pogrom ist möglich?!?

antisemitismus ermöglicht es einen, die schlechtigkeit der welt auf eine unsichtbare, immer unsichtbarer werdende, gruppe zu projizieren, was einen erlaubt, die eigene umgebung und sich selbst als widerspruchsfrei wahrzunehmen, wahlweise als vergiftet oder unschuldig. diese form der verkürzten kapitalismuskritik ist die gefahr jeder beginnender politisierung (und späten polarisierung). „die juden“ werden über umwegkommunikation in chiffren für alle möglichen uneindeutigkeiten und ungenauigkeiten übersetzt. man entscheidet sich, nach sartre dazu, keine entscheidung zu treffen. wir haben an einem bestimmten punkt in unseren leben entschieden, bestimmte zweifel nicht mehr an uns heran zu lassen. man rebelliert nur noch gegen das establishment und verliert die möglichkeit zu differenzieren, zum beispiel zwischen parteien – oder zwischen mittel und zweck. neben den offensichtlichen deformationen des anarchismus (namentlich dem primitivismus, dem insurrektionalismus und was sich heute alles „libertär“ nennen darf) sind gefährliche, antimarxistische und vulgärmarxistische vorstellung von „volk“ weit verbreitet. andreas kemper fand dazu den treffenden begriff:

3. „vertikales denken“

wir brauchen keinen „kollaps“ oder zusammenbruch, um die notwendigkeit solidarischer netzwerke zu erkennen. schon in der corona-politik haben wir uns anhören müssen, wir würden „autoritäres denken“ verbreiten, nur weil unsere appelle zur solidarität den gleichen ton anschlugen wie die appele merkels. die gesellschaft wäre verdorben und verloren, wir wären nur uns und unsergleichen gegenüber verantwortlich. oder aber es wären für den zusammensturz „des systems“ kollateralschäden bei den schwachen in kauf zu nehmen, um zukünftige generationen zu retten. das selbe hat sich bei der ukraine wiederholt und auch der kampf gegen rechts ist notgedrungen eine „verteidigung der demokratie“ (und das hat nichts mit einer nähe zu liberalen gedanken zu tun). diese „antiautoritären reflexe“, die fast alle linksradikalen großen denker*innen gezeigt haben als sie die corona-massnahmen als willkürlichen staatsterror zu bezeichneten, sind gar nicht so anti-autoritär, wie sie sich äußern. (siehe titel „Gekränkte Freiheit: Aspekte des libertären Autoritarismus“ von carolin amlinger und oliver nachtwey) sondern aggressiver antiliberalismus und ignoranz gegenüber den betroffenen. der hegelsche dualismus von herrschaft und knechtschaft bietet dafür eine perfekte ausrede.
nur weil etwas „gegen die da oben“ gerichtet ist, ist es nicht automatisch „für die da unten“. so beziehen sich auch die neue rechte auf eine rebellische, subversive, alternative wobei sie die kapitalistischen widersprüche nur weiter zuspitzen (wollen). um ihre privilegien noch kaltschnäuziger zu „verteidigen“ bedienen rechte sich der gleichen opferrolle wie linke, welche beanspruchen die unterdrückten von jenen privilegien zu befreien. am ende dient das der legitimation von scheinbar beliebiger, im allerbesten fall sinnloser politischer gewalt.

beispiele aus der jüngeren geschichte

antisemitismus muss als immanentes problem der anarchistischen und autonomen szene betrachtet werden. seine geschichte reicht von bakunin über den anschlag auf die jüdischen gemeinde in westberlin bis heute…

heute

ausgerechnet genossis, deren intersektionale parole „kämpfe zusammen führen“ lautet, klammern den kampf gegen antisemitismus aus.
nicht einmal die wesentlichsten einzelheiten wären den queeren szenen der stadt bekannt, wie eine studie über „antisemitismus in den queeren szenen berlins“ jüngst feststellte.
https://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/rechtsextremismus-rassismus-antisemitismus/ansprechpartner-fuer-antisemitismus/260324_lads_dossier_antisemitismus_queere_szenen.pdf?ts=1783683144

historischer faschismus

eine ganze reihe neomarxist*innen der kriegsgeneration beschäftigte sich mit dem theoretischen problem, dass marx den irrationalen faschismus nicht vorhergesehen hatte. doch welche anarchist*innen beschäftigen sich ehrlich damit, dass der italienische faschismus direkt aus dem anarchismus hervorgegangen ist und mussolini vorher anarchist war, genau wie andere einflussreiche antisemit*innen wie die national-anarchist*innen maria rygier, agostino lanzillo, teresa und arturo labriola oder der komponist richard wagner, der philosoph friedrich nietzsche, die verschwörungstheoretikerin nesta webster… und wie konnte die riesige anarchistische bewegung der 20er jahre des letzten jahrhunderts, mit hundert-tausenden mitgliedern und vorweisbaren erfolgen, vom faschismus ausgelöscht werden wie eine kerze im wind? unsere bewegung hat sich davon bis heute nicht erholt. es wäre zu untersuchen, wie viele übergelaufen sind und welche einstellungen dabei eine rolle spielten. die nazis haben uns nicht nur der schwarzen uniformen und des totenkopfes beerbt.

bakunin

bakunin hat leider nicht selten auf bekannte judenfeindliche klischees zurückgegriffen, besonders während seiner politischen konflikte mit karl marx und moses hess. 
zum beispiel beschrieb er in einem posthum veröffentlichten manuskript das judentum als eine „ausbeuterische sekte, ein blutegelvolk, einen einzigen fressenden parasiten“ und sprach in diesem zusammenhang von einem netzwerk, das „eng und intim nicht nur über die staatsgrenzen hin, sondern auch über alle verschiedenheiten der politischen meinungen hinweg“ agiere. https://www.hagalil.com/2020/07/bakunin/

68er westberlins

was viele auch nicht wissen ist, das die 68er westberlins, die für unsere autonome szene bis heute prägend sind, die hinterhältigste gewalt unterstützt haben. dieter kunzelmann, ein gründer der kommune 1, der umherschweifenden haschrebellen, des deutschen ablegers der situationistischen internationalen, der revolutionären zellen (RZ) und der tupamaros westberlins, verübte 1969 einen anschlag auf das haus der jüdischen gemeinde in der fasanenstraße, ausgerechnet am 9.november. er wurde von einem großteil der szene gefeiert und gedeckt und kandidierte noch erfolgreich für die alternative liste (vorläufer der grünen).

https://www.spiegel.de/geschichte/berliner-tupamaros-anschlag-1969-dieter-kunzelmann-und-der-judenknax-a-74030000-66c3-415d-b796-7cbc0a357640

die revolutionären zellen organisierten 1976 eine flugzeugentführung, die nach dem flughafen „entebbe“ benannt wird, wo sie blutig endete. sie schreiben selber: 

    „Daß die einzige Geisel, die die Flugzeugentführung nicht überlebte, ausgerechnet eine ehemalige KZ- Inhaftierte war, ging zwar nicht unmittelbar zu Lasten des Kommandos, lag aber nichtdestoweniger in der Logik der Aktion. „

diese genoss*innen hatten ihre geiseln an bord nach jüdisch und nicht- jüdisch eingeteilt. erst jahre später, 1991 als ihr mitglied gerd albartus seinerseits von einer anderen antisemitischen terrororganisation getötet wurde, veröffentlichten die RZ ein erstes statement zu entebbe, das bei einigen ein umdenken einleitete:

    „[wir] setzten uns darüber hinweg, daß unsere [die deutsche] Geschichte eine vorbehaltlose Parteinahme ausschloß.“

http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn04.htm

der pathos der selbstbezichtigung der anarchistischen terrorist*innen erscheint uns auch für eine kleine friedrichshain-kreuzberger kunstpartei angemessen.*
fairer weise muss man sagen: es waren nie alle teile der linken antisemitisch und es gibt parallel dazu noch unzählige geschichten jüdischen denkens, antisemitismus-kritischer gruppen und interventionen.

wir fordern den antisemitendeckel für berlin

wir finden es unerträglich, dass jüd*innen sich heute oft nicht mehr trauen, sich als solche zu erkennen zu geben. jüd*innen werden – mal wieder – für alles mögliche verantwortlich gemacht.

es ist bestürzend zu sehen, dass wieder mehr polizei- strassensperren vor jüdischen einrichtungen stehen müssen. diese wachabteilung steht da nicht nur wegen der nazis und islamst*innen, sondern auch gegen unsergleichen. 
wir gehören zu dem gesellschaftlichen umfeld, aus dem jüdische menschen geschützt werden müssen. 

warum werden ausgerechnet anarchist*innen antisemitisch? im anschluss an sartre kann man sagen: weil antisemitismus eine starke psychische entlastungsfunktion hat. umso kritischer und selbstkritischer ein mensch mit sich ist und umso größer die individuelle verantwortung auf ihm lastet, desto größer ist auch die attraktivität, die AS bietet: moralische entlastung, ein widerspruchsfreies selbstbild und soziale verantwortungsabgabe. karin stögner geht sogar so weit zu behaupten, der antisemitismus gäbe intersektional denkenden eine starke selbstvergewisserung, die wir uns ansonsten streng verwehren – gerade in bezug auf geschlechterrollen. https://www.youtube.com/watch?v=i7BTY4ralls

wir erleben zur zeit einen großen bedeutungsverlust und ein versanden der sozialen bewegung. resignation in form von regression ist eine nachvollziehbare reaktion. man kann auf einmal wieder erfolge feiern, sich verbal-militant äussern, gegen einen unsichtbaren feind, oder die eigenen niederlagen seiner scheinbaren übermacht anlasten. eine strategie-debatte oder eine neue analyse der krisenhaftigkeit der situation und der stärken der politischen gegner*innen kann so umgangen werden. antifaschismus wird ohne zweifel eine der dringendsten aufgaben der kommenden jahre. antisemitismus als krisenideologie wird rasant zunehmen. der innerlinke streit um antisemitismus darf nicht gescheut werden. in dessen mustern zu erstarren ist der luxus, den wir uns nicht leisten können. wir brauchen theoretische schutzmechanismen und ein gespür für selbstwirksamkeit.

„es reicht, die perspektive auf die entscheidung zu ändern, um die entscheidung selbst zu ändern“ frei nach jean-paul sartre in seinen bahnbrechenden wie grundlegenden „überlegungen zur judenfrage“, geschrieben 1944**

unser ziel ist es, aus der opferrolle heraus zu kommen und diese nie dagewesene situation zu begrüßen.


diese militante selbstkritik ist nur ein umriss, ein einstieg in den „anarchistischen antisemismus“. angeregt wurde der text von dem sammelband „anarchistische scheidewege – zum verhältnis von anarchismus und antisemitismus“, herausgegeben von frederik fuss.


* die RZ hatten nicht den mut sich zu entschuldigen oder auch nur die namen ihrer opfer zu nennen. wir bringen heute keine leute mehr um, aber wir entziehen welchen das mitgefühl oder lassen sie auf unseren rückzug zurück.
** original französisch: „il suffit en effet de changes les perspektives du choix pour que le choix se transforme“ in réflexions sur la question juive, seite 192
englische übersetzung nach becker: „In short, if we change the perspektive of choice, then the choice itself will change.“ antisemite and jew seite 148
deutsche übersetzung nach wroblewsky: „… es genügt in der Tat, die Persepktive der Wahl zu ändern, damit die Wahl sich verändert; …“ seite 88
*** wir haben fast ausschließlich weiße, männliche, mehrheitlich nicht-jüdisch gelesene autor*innen zitiert und verlinkt und sind auf die intersektionalität, also das verschränkt-sein von antisemitismus mit anderen unterdrückungs- und diskriminierungs-formen, nicht eingegangen, was wir mit der form der selbstbezichtigung entschuldigen wollen. das parteiprogramm von 2005 muss jedoch auch auf diese aspekte hin stark überarbeitet werden.